Schweiz – Stuttgart
Biel/Bienne, Samstag 27.12.2008
Ich wollte um 10 an der Strasse stehen um nach Stuttgart zu trampen. Es wurde 11, es wurde 12, und um 12 Uhr 30 stand ich dann endlich an der Hauptstrasse in Biel, die zur Autobahnauffahrt fuehrt. Eine halbe Minute spaeter sass ich bereits in einem ausgebauten VW Bus und wurde direkt an der Auffahrt ausgeladen. Ich stellte mich hin, Daumen raus, und das zweite Auto – mit Thurgauer Nummernschild – hielt an! Er, ein Fischer vom Bodensee, fuhr nach Schaffhausen und ich ging das Risiko ein, in Schaffhausen selbst auszusteigen statt an einer Tankstelle auf der Autobahn. Der Platz erwies sich als Reinfall am Rheinfall… alle Autos mit Schaffhauser Nummernschild, nur selten fuhr eines auf die Autobahn. Ich nutzte die Pause um etwas zu essen und probierte es 5 Minuten spaeter nochmal. Da hielt ein Auto mit Luzerner Kennzeichen an. Ein junger netter Maurer, und er besucht seine Freunde in Stuttgart! Biel-Stuttgart: 10 Minuten Wartezeit insgesamt!
Ernüchterung jetzt und Glück das nächste Mal
Biel-Bern: Meistens keine grosse Sache, wie trampen überhaupt für mich.. -> Solche Erfahrungen und so eine Haltung führt zu Übermut, und Übermut muss wohl ab und zu in die Grube fallen… So stand ich heute bei 2° und leichtem Regen beinahe eine halbe Stunde an der BP-tankstelle in Biel-Nidau. Kurz bevor ich den Zug nehmen wollte, hielt ein Auto an, das nach Lyss fuhr. Mein Tramperstolz liess mich einsteigen, und als der Fahrer mir anbot, mich in Lyss an den Bahnhof zu fahren, war es auch mein Tramperstolz der mich sagen liess “ach nein, ich probiers hier an der Auffahrt!”.
Und wenn ich nicht nach einer halben Stunde aufgegeben hätte, würde ich wahrscheinlich noch jetzt an dieser äusserst schlechten Stelle stehen… Schlussendlich lief ich durch den Wald auf die andere Seite, wollte wenigstens wieder gratis nach Biel zurückfahren. Aber auch das sollte anscheinend nicht sein. So wanderte ich weiter nach Lyss, zum Bahnhof, wo immerhin gerade ein Zug fuhr.
Lieber kein Glück bei Biel-Bern als bei Biel-Wroclaw nächste Woche!! ….
Und: Immerhin konnte ich endlich mal zwei, drei Fotos machen.. meistens fehlt mir ja die Zeit dazu weil ich sofort mitgenommen werde……….
sich bei Auffahrten rumtreiben
Filed under Bern-Biel-Bern, Gründe, Kurztrip, Ländlich, Schweiz | Comment (1)Wenn sich die Fahrerinnen und Fahrer um mich reissen…
Biel-Wichtrach, Montagnachmittag
Um 16 Uhr laufe ich der Bernstrasse entlang auf die letzte Tankstelle vor der Autobahneinfahrt zu. Einen Meter nachdem die Hecke, die einem dort von der Strasse trennt, fertig ist, halte ich aufs Geratewohl meinen Daumen raus. Etwa acht Autos fahren vorbei, halten aber schon 50m weiter vorne an einer roten Ampel an. Plötzlich Pfiffe. Ein Kleinbus voller Jungs hat die Türen geöffnet, zwei der Jungs sind ausgestiegen und winken mir, ich solle einsteigen. Ich renne auf den Bus zu, obwohl die Vorstellung, mit einem halben Dutzend Halbwüchsiger, die alle belustigt am Fenster kleben als wären sie im Zoo und ich das Exotentier, mit so einem halben Dutzend also nach Bern zu fahren, nicht besonders Spass macht. Da läuft weiter vorne die Fahrerin des zweitvordersten Autos mir entgegen und ruft: “Ich fahre aber nur bis Schönbühl”. Diese Frau, die ja alleine im Auto sass, ist tatsächlich an der roten Ampel ausgestiegen, um die Autos rumgelaufen und mir entgegen, um mich aufzuladen! Schnell springe ich rein und die Ampel ist schon auf grün. Ich bin überwältigt. Bis Schönbühl haben wir sehr sehr interessante und tiefschürfende Gespräche. Sie wäre bei der Geburt ihrer Zwillinge beinahe (mitsamt ihren Zwillingen) gestorben und erzählt mir, wie zu dieser Zeit auf der Intensivstation Gott zu ihr gesprochen habe. Die Frau ist so toll, dass sie auch mir Fragen stellt und mich erzählen lässt. Oftmals wollen viele Fahrerinnen und Fahrer nur reden, wenn sie schon mal jemanden zum zuhören haben.. Was ja auch gut sein kann.
In Schönbühl steige ich – wieder an einer roten Ampel – aus und stelle mich auf der anderen Strassenseite mit “Thun”-Schild hin. Ich versuche es mal so. Sollte es nicht klappen (wer fährt schon von Schönbühl nach Thun….) kann ich immer noch nach Bern fahren und von Bern wieder raus. Es ist bereits am eindunkeln aber hat auch schon viel Feierabendverkehr. Schon nach 5 Minuten hält ein kleines Auto an. Ein junger Mann – und er fährt nach Thun! Ich springe rein und bin schon wieder bei jemandem ganz interessantem gelandet! Er arbeitet 60% als Lehrer und macht daneben noch diverse andere Kleinjobs, unter anderem Velofahren mit Touristen auf einem 17m langen Gruppenfahrrad. Er ist total positiv und als ich ihm irgendwas erzähle, wirft er begeistert seine Arme in die Luft und schüttelt mir die Hand um mir zu irgendwas zu gratulieren. Und obwohl er schon zu spät dran ist, fährt er extra für mich an meiner Ausfahrt (Kiesen) runter und weiter bis zu einer Stelle wo ich gut stehen kann, wo die Schnellstrasse aufhört.
Inzwischen ist es schon fast dunkel. Ich stehe irgendwo auf freiem Feld vor irgendeiner kleinen Ortschaft. Mein Ort, Wichtrach, muss eines der nächsten Dörfer sein. Viele, viele, viele Autos fahren vorbei. Bis eines mit HH-Schild anhält: ein Hamburger und seine Freundin! Sie nehmen mich mit, aber müssen schon nach 500m rechts abbiegen für ins Emmental rein.. 98% der Autos tun dasselbe, und mir wird auch klar warum mich vorher niemand aufgegabelt hat. Kaum bin ich ausgestiegen hält auch schon wieder ein Auto und fährt mich bis vor die Tür von da, wo ich hinwill. Es brauchte mich ziemlich genau eine Stunde. Gemäss Routenplaner bräuchte man für die Strecke gut 45 Minuten. Hurra!
Filed under Ausflug, Bern-Biel-Bern, Gründe, Kurztrip, Ländlich, Schweiz | Comments (4)Biel-Zürich, Dienstagvormittag
In Zürich ist eine Ausstellung über den polnischen Künstler Tadeusz Kantor. Es ist 10 Uhr am Vormittag, nach Zürich wären es per Zug 1h15; ich muss um 16 Uhr 30 in Biel zu arbeiten beginnen. Um 10.30 stehe ich an der Hauptstrasse, noch mitten in der Stadt. Die Hauptstrasse führt in ein Aussenquartier, von dem aus man auf die andere Stadtseite gelangt, dort, wo die A5 nach Solothurn-Zürich beginnt. Ich stehe zuerst mit A5-Schild an der Bushaltestelle, dann ohne Schild. Von den wenigen Autos hält keines. Als der Bus kommt (nach ca. 10 Minuten warten) steige ich ein und fahre ein paar Kilometer mit. Dann laufe ich rückwärts, mit ausgestrecktem Daumen, in Richtung Autobahn. Circa 1km vor der Auffahrt hält ein Auto an und nimmt mich mit bis dahin.
An der Auffahrt ist wenig los. Ich stehe mit “ZÜRICH”-Schild, aber nichts.. Inzwischen ist 11 Uhr vorüber, ich werde langsam nervös. Schon habe ich mein Schild weggepackt und trampe mit blossem Daumen, als ein Auto anhält. Der junge nette (!) Mann (!) kann mich zwar nur 5km mitnehmen, bis zur Raststätte Pieterlen. Aber immerhin! On the road! Dieses Gefühl ist unvergleichbar und macht fast jede Wartezeit wett! Auf der Raststätte begrüsst mich gähnende Leere.. Auf dem Parkplatz stehen vereinzelte LKW’s und etwa 5 Autos, aber in den ganzen 15 Minuten, die ich dort stehe, laufen nur 4 Menschen raus – und alle fahren nach Biel. Endlich läuft weiter vorne ein LKW-Fahrer zu seinem Fahrzeug, sieht mich und ruft zu mir rüber, ob ich mitfahren will. Er fährt zwar nicht nach Zürich rein, aber in ein Dorf etwa 10km vor Zürich.
So fahre ich kurz darauf mit 85km/h über die A5 auf die A1 in Richtung Zürich. Wir unterhalten uns ab und zu, meistens hören wir das Radio-Gewinnspiel, was auch gut ist. Auch hier wieder – nur damit dies auch mal festgehalten wird – ein sehr netter Mann, keine Anmachversuche, keine blöden Sprüche. Ich könnte nun bei einer der zwei nächsten Raststätten aussteigen oder bis zu seiner Ausfahrt mitfahren. Da ich nicht annehme dass jemand, der nach Zürich reinfährt, bei einer Raststätte 15km vorher noch anhält, beschliesse ich, mit ihm mitzufahren. Wettingen Ost entpuppt sich aber als dumme Stelle. Die Autobahnausfahrt mündet direkt in eine Autostrasse für 1-2km. Dann kommt eine Kreuzung: Die einzige weit und breit, und weit und breit keine Zivilisation und wenige Autos. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin!! Doch ich springe an der roten Ampel aus dem Lastwagen und stelle mich direkt an der Kreuzung an den Strassenrand der Hauptstrasse, die nach Zürich führt. Aus der Gegenrichtung fahren Autos auf die Autobahn in Richtung Zürich – doch dort kann ich mich nirgends hinstellen, unmöglich.
Aber schon bei der nächsten Rotphase hab ich Glück: Ein superteurer Protz-Offroader steht an der Ampel gegenüber. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und ruft “Bern!Basel!Zürich!”. Ein dummer Spruch, ja ja, bin ich mir gewohnt. Doch ich rufe zurück “Zürich?” und er “Steig ein!”. Ohne zu Zögern springe ich hinüber und hinten rein. Er sei Kosovare und handle mit Autos. Jedes zweite Wochenende fährt er mit einem Auto in den Kosovo und fliegt dann zurück. Von Zürich in den Kosovo seien es nur 15 Stunden Fahrt – hammer. Muss ich auch mal machen! Er fragt, wo ich in Zürich hinmuss. Ich sage Limmatstrasse, denn dort ist das Museum. Er guckt irritiert. Später hält er auf einer Tankstelle, gibt mir 20sFr und bittet mich, ihm einen Eistee kaufen zu gehen. Ich solle mir auch was nehmen. Wenige Minuten darauf erreichen wir Zürich und er fragt, was ich denn TAGSÜBER an der Limmatstrasse wolle. Es stellt sich heraus, dass dort nachts der Strassenstrich ist… na gut.. Nachdem ich ihm mehrmals versichert habe, dass ich nicht “der Arbeit willen” an diese Strasse will, fährt er mich direkt vor die Tür des Museums! Es ist 13 Uhr, und ich habe komfortable 2 Stunden Zeit für die Ausstellung, bis ich den Zug zurück nach Biel nehme..
Filed under Kurztrip, Schweiz, Uncategorized | Comment (0)Odyssee am Montagnachmittag
Extrem schwierig. Schwieriger als je zuvor. Brauchte für die Strecke (mit zug: 25min) heute eineinhalb Stunden. Meine Durchschnittstrampzeit für die Strecke ist 30-45 Minuten – je nach Stau. An meiner Stelle, einer Bushaltebucht ausgangs Stadtzentrum, stand ich bis jetzt immer ohne Schild, oder mit BERN-Schild. Hatte aber immer den dringenden Verdacht, dass 95% der Autos nach Port fahren, einen Vorort – und dort, wo “meine” Auffahrt auf die Schnellstrasse nach Bern ist. Deshalb hab ich heute ein “PORT”-Schild gemalt. Weil da fährt nun wirklich mindestens jede dritte Person hin, die an mir vorbeifährt. Trotzdem wartete ich über 10 Minuten. Dann ohne Schild. Nichts. Ich nahm das Bern-Schild. Wieder 10 Minuten. Wieder ohne Schild. Wieder mit Port-Schild. Dann nahm mich jemand nach Port, zur Auffahrt. Dort war schon bedeutend weniger Verkehr… Montagnachmittag, 14 Uhr 45..
Endlich hielt ein junger Mann an – er fahre nach Bern. In die Stadt? In die Stadt. Super. Nach einigen Kilometern schwieriger Unterhaltung (Sprache..) sagt er, er müsse in die Nähe von Ostermundigen. Hmm. ok.. kann dort den Bus nehmen. Dann fährt er aber 10km vor Bern runter. Er müsse nach Zollikofen, einen Tieflader holen, dann nach Ostermundigen, Zeitungen laden, dann ins Stadtzentrum, Zeitungen abladen. Meine Zeit wird langsam knapp. Und natürlich kann ich nicht in Zollikofen den Zug nehmen, weil er ins Industriezentrum fährt. Immerhin geht der Wechsel aufs andere Auto schnell. Bis Zollikofen ists aber wieder eine langwierige Sache, und weit und breit keine Bushaltestelle. In Ostermundigen ebenfalls das Industrieproblem. Das Laden der Zeitungspaletten dauert auch etwa 15 Minuten…. Immerhin sehe ich mal, wo die ganzen Berner Zeitungen gedruckt werden. Und wer alles die Gratiszeitungen verteilt… ich war weit und breit die einzige Schweizerin. Und ich mag solche Orte, wo viele verschiedene Menschen arbeiten, irgendwo in einer riesigen Industriehalle. Endlich gehts in die Stadt. Und nachdem wir das Thema “Wo genau wohnst du?” (da erfinde ich jeweils eine Strasse, mit Vorliebe Amselweg 17) und “Hast du einen Freund?” (meistens habe ich dann einen, sogar einen Verlobten, der mich nächsten Frühling heiratet… auch heute war er mein Verlobter, das war irgendwie angebracht) schon hinter uns hatten, fragte er mich dann ganz schüchtern, ob er in Biel zu mir nach Hause kommen darf. Ich sagte nein. Er akzeptierte es. Und dann kam auch schon der Bahnhof Bern in Sicht…
Filed under Bern-Biel-Bern, Schweiz | Comments (2)Langenthal-Bern, Freitagabend
Mitten im Feierabendverkehr laufe ich aus der Stadt in Richtung Autobahnzubringer. Mit A1-Schild stelle ich mich dann an eine lange, gerade Hauptstrasse mit Radstreifen. Nach ungefähr 5 Minuten hält ein Opa an. Ich weiss nicht wer klappriger ist; der Opa oder das Auto. Die ersten zwei Kilometer sprechen wir eigentlich nichts, dann über das Wetter, und dann plötzlich wird es ungemütlich. Der 72-jährige Mann macht mir Komplimente und erzählt mir, wie fit er noch sei – in jedem Bereich. Seine Frau wolle eben kein Sex mehr, er aber möchte schon. Und mit mir wäre er auch gern mal zusammen. Da ich weiss, dass in weniger als einem halben Kilometer die Autobahnauffahrt kommt, wo ich aussteige, sage ich irgendwas von Liebe und Altersunterschied. Weil der alte Mann aber vielleicht noch andernorts fit ist, aber nicht mehr gut hört, muss ich jeden Satz zweimal sagen, was die Reststrecke zum Glück noch schneller vergehen lässt. Dann hält er an, ich verabschiede mich und steige aus, wo er es nicht lassen kann mich noch am Oberschenkel anzufassen. Da ich aber schon fast ausgestiegen bin und nur noch weg will zücke ich meinen Alkoholspray nicht. Aber hätte er das mal während der Fahrt gemacht, wärs ungemütlich geworden für ihn!
Dann bin ich frustriert, angewidert und traurig. Bin ich jetzt als Tramperin selbst schuld, weil ich ja schliesslich zu fremden Männern einsteige?? Aber nein – wenn man so denkt ist immer das Opfer schuld. Es ist eigentlich ja gar nichts passiert! Aber rein die Tatsache dass es Männer gibt, die einem das Gefühl vermitteln sie dürfen über einem verfügen nur weil sie einem mitnehmen, macht mich stinksauer. Überhaupt, eigentlich gehen Fahrer und Tramperin einen mündlichen Vertrag, eine Vereinbarung ein: “Können Sie mich bis dahin mitnehmen?” – “Ja, steig ein”. Wenn es dann zu Forderungen oder gar zu Berührungen kommt, ist das “Vertragsbruch”. Aber ja. Gut, ist nicht jedes Tramp-Erlebnis supergut, so bleibe ich vorsichtig und kann üben, meine Privatsphäre und mich zu schützen. Bis jetzt wurde ich einmal gefragt, ob ich als Dank für die Fahrt einen Kuss geben würde (hallo??? natürlich nicht! und aussteigen), und einmal hat ein Fahrer gefragt, ob ich nicht auch Lust hätte, mal eben kurz mit ihm Spass zu haben (nein, nein, wirklich nicht – und dann war das Thema abgehakt). Die restlichen Fahrerinnen und Fahrer (es sind schon viele!) waren immer alle sehr nett und überhaupt nicht auf irgendwas aus!
Zum Ausgleich sehe ich einen wunderschönen Sonnenuntergang über der Autobahn voller Autos. An der Auffahrt stehe ich ein paar Minuten, weil dort wirklich niemand rauffährt, so abgelegen wie sie ist. Dann hält ein älteres Paar an (hurra, ein Paar!), ich kann in aller Ruhe hinten sitzen und bis Bern emotional runterkommen…
Filed under Ländlich, Schweiz, Uncategorized | Comment (0)Biel-Langenthal, Freitagmittag
Kurz nach 11 Uhr stelle ich mich an meine Lieblingsstelle in Biel: Eine Bushaltestelle gleich bei mir um die Ecke, am Rand des Stadtzentrums, etwa einen Kilometer vor der Autobahnauffahrt Biel Port. Normalerweise werde ich dort mit “Bern”-Schild innerhalb weniger Minuten mitgenommen. Heute aber stehe ich ohne Schild, denn ich muss 10km vor Bern von der kleinen A5 auf die grosse A1 wechseln und dann auf der A1 etwa 40km in Richtung Basel/Zürich fahren, bevor ich an der kleinen Abfahrt Niederbipp runter muss. Also warte ich, wer anhält, denn trampend gibt es so viele Varianten, von A nach B zu kommen!
Heute warte ich aber ausgesprochen lange für diese Stelle! Eine Auto nach dem andern fährt vorbei, viele starren einfach geradeaus und beachten mich nicht. Was für eine Gesellschaft.. Aber eine bekannte Tramperregel: Je länger die Wartezeit, umso besser geht es danach! Nach etwa einer Viertelstunde hält endlich eine Frau in einem schnittigen Sportauto an. Sie muss nur ein paar hundert Meter weiter, wohnt auch in Biel, aber trotzdem hat sie angehalten! Und sie ist mir auch eine grosse Hilfe, denn sie fährt an der Autobahnauffahrt vorbei. So stehe ich endlich direkt an der Auffahrt, und schon nach zwei Minuten hält jemand an – ein LKW! Mitten in der Kurve blockiert er die ganze Einfahrt, der Dragan aus Serbien. Er fährt nach Bern, ich steige ein ohne zu diskutieren wo ich denn wieder aussteigen kann. Er rät mir, auf der A1 noch ein Stück in Richtung Bern zu fahren und dann auf der Raststätte Grauholz auszusteigen. Ich bin einverstanden, vor allem weil ich erst vor ein paar Jahren einmal auf dieser Raststätte getrampt habe und sie schon lange wieder mal ausprobieren wollte. Dragan ist richtig nett und auf der Raststätte fährt er mit seinem Lastwagen extra für mich über die Brücke auf die andere Seite der Autobahn und dann ohne mich wieder zurück und weiter, obwohl er zeitlich unter Druck ist.
Auf der nun richtigen Seite der Raststätte Grauholz steht ein einziges Auto an der Tankstelle. Ich laufe mit meinem Strassenatlas in der Hand zum tankenden Fahrer und setze meine unschuldigste Mädchen-vom-Lande-Miene auf und frage so, als ob ich zum ersten Mal in meinem Leben trampen würde: “Hallo, guten Tag, darf ich Sie etwas fragen?” – “Fragen darf man immer” – “Fahren Sie zufällig in Richtung Olten??” (Natürlich fährt er in Richtung Olten, wohin denn sonst) – “Ja, also ich fahre nach Basel, warum?” – “Sie könnten mich nicht zufällig ein Stückchen mitnehmen??”. Ich zeige ihm einen Punkt auf der Karte, wo ich hinmuss. Dabei verhalte ich mich so charmant und hilflose-junge-Frau-mässig, dass nur ein herzloses Monster mich nicht mitnehmen würde
“Also gut, steigen Sie ein”, sagt er, und später im Auto: “Ich habe noch nie jemanden mitgenommen und nehme eigentlich niemanden mit” – ja ja… kennen wir doch… er ist ein Lehrer an einer Wirtschaftsschule, aber zu meinem Erstaunen hat er am Vormittag zu seinen Kindern geschaut und geht erst nachmittags arbeiten – sehr fortschrittlich! In Niederbipp fährt er für mich runter und lässt mich raus. Kaum bin ich ausgestiegen, hält auch schon das dritte Auto. Ein braungebrannter, grauhaariger drahtiger Mann mit Rotem-Kreuz-Emblem auf dem T-Shirt. Er ist soeben am Flughafen Genf gelandet und fährt jetzt zu seinen Eltern. Er ist direkt aus Afghanistan gekommen, wo er für das Rote Kreuz arbeitet. Am Sonntag fliegt er nach Mosambique, wo er wohnt. Dann weiter nach Somalia für einen Einsatz, bevor er im Januar wieder nach Kabul zurückfliegt. Er ist Spezialist für Bluttransplantationen und Labortechnik und bildet in Afghanistan Leute darin aus, damit sie irgendwann ohne IKRK-Hilfe Krankenhäuser führen können. Leider hätten aber die Taliban bereits wieder 50% des Landes unter Kontrolle, sagt er. Seine Arbeit sei immer ein Schritt vorwärts, zwei zurück. Krass. Dann lässt er mich 50m vor dem Haus meiner Freunde raus.
Biel-Zürich, Samstagabend
Trampen in der Schweiz ist zwangsläufig verbunden mit verhältnismässig kurzen Strecken. So gibt es, was das inländische Trampen angeht, auch kaum spannende Geschichten zu erzählen. Bern-Biel/Biel-Bern zum Beispiel, eine Strecke, die ich mindestens einmal pro Woche trampe, ist schon lange nicht mehr auf diesem Blog aufgetaucht. Auch wenn jede einzelne Fahrt viel spannender ist als eine Zugfahrt.
Am Samstag um 17 Uhr also das Loslaufen nach Zürich. Vorerst nur 50m weit, bis zur Hauptstrasse. Geschlagene 10 Minuten stehe ich an der Bushaltestelle und halte meinen Daumen der nicht endend wollenden Autokolonne entgegen, bis mein Lächeln gefriert. Irgendwann packe ich das “A5″-Schild weg. Ich vermute sowieso, dass 90% der Autos nur in ein Vorstädtchen von Biel fahren. Nach weiteren 5 Minuten hält endlich jemand an und nimmt mich einen Kilometer weit mit. Immerhin schon viel näher an die Autobahnauffahrt, so dass ich mir schon 2.- für den Bus gespart habe (und mit dem Bus auch 15min gebraucht hätte). Ich laufe bis zum nächsten Kreisel. Plötzlich ruft mir der Fahrer eines vorbeifahrenden Autos etwas zu und hält weiter vorne an. Ich renne über die Strasse; er erklärt mir, er hätte mich schon vorher an der Bushaltestelle den Daumen raushalten sehen, mich aber nicht mitnehmen können, weil er noch Kollegen nach Hause gefahren habe. Er fahre nach Zürich, wo ich denn hinwolle? Perfekt – ich steige ein und wir fahren los. Die Fahrt ist nett, der Fahrer ist sehr nett und positiv. Keiner, der Tramper nur mitnimmt um endlich mal jemanden zu haben, der oder die zuhört. Als wir uns Zürich nähern offeriert er mir, dass wir ja auch zusammen zurückfahren können. Er fahre so um 01 Uhr zurück. Ich möchte eigentlich um 23 Uhr den Zug nehmen, weil ich am nächsten Morgen früh auf muss. Er sagt dann, gut, wir können auch um 23 Uhr fahren. Was mich etwas misstrauisch macht. Warum sollte er, der nach Zürich Freunde besuchen geht, bereits nach 4 Stunden schon wieder nach Hause fahren, nur um eine Tramperin mitzunehmen?? Zwar bin ich absolut überzeugt, dass er mir nichts tun würde! Aber schon bald haben sich die Gesprächsthemen, von ihm ausgehend natürlich, um Liebe und Beziehung gedreht. Und ich habe echt keinen Bock, nach einer gratis Rückfahrt irgendjemand abwimmeln zu müssen. Weil er aber sehr nett ist, sage ich vorerst weder zu noch ab, sondern lasse uns mal Nummern tauschen. Schliesslich aber sage ich mir, dass es besser ist, nichts zu tun, bei dem ich ein ungutes Gefühl habe. Selbst wenn mir das Gefühl noch nicht ganz klar ist, ungut ist ungut! Um 23 Uhr zahle ich also die 20 Franken 50 fürs Zugticket und bin froh, selbstbestimmt gereist zu sein…
Filed under Gründe, Schweiz | Comment (1)Biel-Bern, nette Menschen
Sonntagmorgen, ich will nach Bern. Ein Auto mit Waadtländer Kennzeichen hält an, also Leute aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz. Ich frage, ob sie nach Bern fahren, sie antworten, nicht direkt, aber sie werden einen kleinen Umweg machen für mich. Nun gut, es ist ja eine Frau die fährt, also steige ich ein. Die ersten 5 Kilometer blättert der Freund der Frau in ausgedruckten Routenplanerblättern und diktiert jeden Meter. Bald wird mir klar: Die beiden haben keine Ahnung wo sie lang fahren müssen. Also frage ich nach, wo sie denn hinfahren. Nach Zürich! Wenn sie also den “kleinen Umweg” für mich fahren würden, würde sie das mindestens eine halbe Stunde kosten. Ich erkläre ihnen das, und sie sagen, sie versprechen mir sicher nicht etwas und machen es dann nicht. Aber ich lasse mich dann trotzdem in Schönbühl – da wo sich die Autobahn teilt – absetzen, meiner Erfahrung nach eine super Auffahrt zum trampen. Zwei Minuten später (Sonntagmorgen, nicht wahr) werde ich auch schon von einer Frau aufgegabelt, die mich in Bern dann auch fast vor die Haustür fährt.
Sonntagabend, ich will schon wieder nach Bern. Entgegen aller meiner Vorsätze trampen im Dunkeln. Ein Mann hält an der halbguten Stelle (Radstreifen..) an und muss erstmal 2 riesige Kartonschachteln in den Kofferraum bugsieren. Dann die Fahrt, die sehr nett und interessant verläuft. Er macht beruflich Umfragen, sein Allgemeinwissen ist dementsprechend gross. Kurz vor Bern fragt er mich, wo ich hinwill. Ich frage, wo er denn hinwill. Er muss eigentlich nur in einen Vorort von Bern, ich antworte, kein Problem, ich kann ja ein Tram in die Innenstadt nehmen. Da sagt er: Nein, sicher nicht! Wenn ich dich jetzt einfach irgendwo abladen würde, hätte ich dich gar nicht mitnehmen müssen! -und fährt mich vor die Tür!
Ansonsten waren noch x-mal Biel-Bern und Bern-Biel, die bis auf einen komplett vom Leben frustrierten Zahnarzt auch alles nette Fahrten waren. Und dem Zahnarzt hat nun wohl endlich jemand zugehört……
Ausserdem endlich mal die Auffahrt Neufeld in Bern ausprobiert, die sich seit dem Umbau zu einer hammer Stelle entwickelt hat! Mein neuer Favorit – Wankdorf ist ja jetzt immer mehr Baustelle…!
Filed under Uncategorized | Comment (0)Bern-Zürich, Sonntagvormittag
Sonntagvormittag, laufe zur Autobahnauffahrt Ostring und wer steht da?? Die Polizei! 5 Polizisten, ein Polizeiauto, ein Kastenwagen, zwei andere Autos = irgendeine Kontrolle. Zum Glück entscheide ich mich zu warten und fahre noch nicht ans andere Ende der Stadt, denn schon nach ein paar Minuten ziehen die Uniformierten ab und überlassen mir mein Plätzchen.
Wie erwartet ist am Sonntagvormittag niemand unterwegs ausser vollgestopfte Familienautos. Ich beschliesse, mindestens eine halbe Stunde lang mit “Zürich”-Schild auf eine Direktfahrt zu hoffen. Sonst würde ich das Schild wegpacken und von Auffahrt zu Auffahrt trampen… Nach 20 Minuten werde ich aber von einer netten jungen Frau mitgenommen. Zwar nicht bis Zürich, aber Lenzburg liegt nur 20 Minuten vor Zürich und ich kann mir vorstellen, dass von dort aus viele in die Stadt reinfahren. Tatsächlich werde ich in dieser komischen Ausfahrt, welche mitten im Nirgendwo liegt, prompt von einem sehr interessanten und netten mexikanischen Meeresbiologen, der aber in Zürich als Ingenieur arbeitet, mitgenommen. Er muss zwar nicht nach Zürich rein, hat aber genug Zeit, um mich in der Stadt abzusetzen. Perfekt!