Wenn sich die Fahrerinnen und Fahrer um mich reissen…
Biel-Wichtrach, Montagnachmittag
Um 16 Uhr laufe ich der Bernstrasse entlang auf die letzte Tankstelle vor der Autobahneinfahrt zu. Einen Meter nachdem die Hecke, die einem dort von der Strasse trennt, fertig ist, halte ich aufs Geratewohl meinen Daumen raus. Etwa acht Autos fahren vorbei, halten aber schon 50m weiter vorne an einer roten Ampel an. Plötzlich Pfiffe. Ein Kleinbus voller Jungs hat die Türen geöffnet, zwei der Jungs sind ausgestiegen und winken mir, ich solle einsteigen. Ich renne auf den Bus zu, obwohl die Vorstellung, mit einem halben Dutzend Halbwüchsiger, die alle belustigt am Fenster kleben als wären sie im Zoo und ich das Exotentier, mit so einem halben Dutzend also nach Bern zu fahren, nicht besonders Spass macht. Da läuft weiter vorne die Fahrerin des zweitvordersten Autos mir entgegen und ruft: “Ich fahre aber nur bis Schönbühl”. Diese Frau, die ja alleine im Auto sass, ist tatsächlich an der roten Ampel ausgestiegen, um die Autos rumgelaufen und mir entgegen, um mich aufzuladen! Schnell springe ich rein und die Ampel ist schon auf grün. Ich bin überwältigt. Bis Schönbühl haben wir sehr sehr interessante und tiefschürfende Gespräche. Sie wäre bei der Geburt ihrer Zwillinge beinahe (mitsamt ihren Zwillingen) gestorben und erzählt mir, wie zu dieser Zeit auf der Intensivstation Gott zu ihr gesprochen habe. Die Frau ist so toll, dass sie auch mir Fragen stellt und mich erzählen lässt. Oftmals wollen viele Fahrerinnen und Fahrer nur reden, wenn sie schon mal jemanden zum zuhören haben.. Was ja auch gut sein kann.
In Schönbühl steige ich – wieder an einer roten Ampel – aus und stelle mich auf der anderen Strassenseite mit “Thun”-Schild hin. Ich versuche es mal so. Sollte es nicht klappen (wer fährt schon von Schönbühl nach Thun….) kann ich immer noch nach Bern fahren und von Bern wieder raus. Es ist bereits am eindunkeln aber hat auch schon viel Feierabendverkehr. Schon nach 5 Minuten hält ein kleines Auto an. Ein junger Mann – und er fährt nach Thun! Ich springe rein und bin schon wieder bei jemandem ganz interessantem gelandet! Er arbeitet 60% als Lehrer und macht daneben noch diverse andere Kleinjobs, unter anderem Velofahren mit Touristen auf einem 17m langen Gruppenfahrrad. Er ist total positiv und als ich ihm irgendwas erzähle, wirft er begeistert seine Arme in die Luft und schüttelt mir die Hand um mir zu irgendwas zu gratulieren. Und obwohl er schon zu spät dran ist, fährt er extra für mich an meiner Ausfahrt (Kiesen) runter und weiter bis zu einer Stelle wo ich gut stehen kann, wo die Schnellstrasse aufhört.
Inzwischen ist es schon fast dunkel. Ich stehe irgendwo auf freiem Feld vor irgendeiner kleinen Ortschaft. Mein Ort, Wichtrach, muss eines der nächsten Dörfer sein. Viele, viele, viele Autos fahren vorbei. Bis eines mit HH-Schild anhält: ein Hamburger und seine Freundin! Sie nehmen mich mit, aber müssen schon nach 500m rechts abbiegen für ins Emmental rein.. 98% der Autos tun dasselbe, und mir wird auch klar warum mich vorher niemand aufgegabelt hat. Kaum bin ich ausgestiegen hält auch schon wieder ein Auto und fährt mich bis vor die Tür von da, wo ich hinwill. Es brauchte mich ziemlich genau eine Stunde. Gemäss Routenplaner bräuchte man für die Strecke gut 45 Minuten. Hurra!
Filed under Ausflug, Bern-Biel-Bern, Gründe, Kurztrip, Ländlich, Schweiz | Comments (4)4 Responses to “Wenn sich die Fahrerinnen und Fahrer um mich reissen…”
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super. das gruppenfahrrad nennt sich übrigens trampelwurm und ich war wahrscheinlich etwa gleichzeitig wie du in kiesen, aus dem emmental kommend..
dann bin ich wahrscheinlich im fetten Merz an dir vorbeigerauscht
ja genau, trampelwurm! Und die Glacevelos macht er auch noch..
schöne zeit (2:22)
hehe, wie immer tolle geschichte! so müsste dass immer sein, dass sich die leute regelrecht darum kloppen, einen mitzunehmen ;D